Notieren und Organisieren: Gilles Deleuze / Rhizom

Samstag, 22. November 2003, 01:05 Uhr

 

Dozent: Dr. Nils Röller

 

Die Aufgabe des ersten Quartalsprojekts bestand darin, eine Auswahl aus einer vorgegebenen Liste von Namen und Themen aus dem Bereich "Digitale Kultur" zu treffen und dementsprechend den gewählten Begriff zu recherchieren. Das Einbeziehen von Bild-, Ton- und Filmmaterial war für die 15-minütige Präsentation obligatorisch.

Als Hauptpräsentation wurden die beiden vorherigen Zwischenpräsentationen (Thema: "Gilles Deleuze sowie "das Rhizom") zusammengefasst. In die Präsentation flossen viele Informationen und Filmmaterialien ein, die ich beim Festival und der Ausstellung "Gilles Deleuze und die Künste - Wiederholung und Differenz" vom 24.10. -07.12.2003 im ZKM und im Interview mit einem seiner Ex-Studenten, Mathieu Carrière sammeln konnte.

Technisch wurde die Aufgabe mit Hilfe von zwei Flashanimationen gelöst.

1. Teil - Die Visualisierung des Rhizoms

- bitte unteres Bild anklicken. Im neuen Fenster mit der Maus über den weissen Punkt in der Mitte fahren, dann jeweils über das Ende der Linie -

 

Link zur Flashanimation:

 

Diese Darstellung beruht auf folgenden Eigenschaften, die von Deleuze und Guattari definiert wurden::

 

Im Unterschied zu Bäumen oder ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen beliebigen Punkt, wobei nicht unbedingt jede seiner Linien auf andere, gleichartige Linien verweist. (ebd., S.36)

Das Rhizom besteht demgemäß nicht aus statischen Einheiten, sondern aus einem heterogenen Gefüge von Konnexionen. Man kann es nicht auf einen Ursprung zurückführen, sondern muß es als Mannigfaltigkeit begreifen. Die Mannigfaltigkeit ordnet sich nicht in Form von Entitäten, sondern in Form von Dimensionen, von Konsistenzebenen, diese sind temporäre Geflechte aus Konnexionen.

Die Mannigfaltigkeit wird in ihrer Gesamtheit verändert, sobald sich die Dimensionen verändern oder neue hinzukommen. Im Gegensatz zu einer Struktur, die durch eine Menge von Punkten und Positionen definiert wird, sowie durch binäre Beziehungen zwischen diesen Punkten und durch bi-univoke Verhältnisse zwischen den Positionen, besteht das Rhizom nur aus Linien: aus Dimensionen der Segmentierungs- und Stratifizierungslinien, aber auch der Flucht- und Deterritorialisierungslinie, einer äußersten Dimension, in der die Mannigfaltigkeit, der Fluchtlinie folgend, sich völlig verwandelt und dabei ihre Beschaffenheit verändert. (ebd., S.36)

Übertragen auf Kommunikation bedeutet dies, daß nicht mehr von Kommunikatioren und Rezipienten (zwei Punkte mit festgeschriebenen Positionen: Sender-Empfänger), die binäre Beziehungen (in Form von Kommunikaten) unterhalten, die Rede sein kann; vielmehr ist Kommunikation nach diesem Modell ein nicht-abschließbarer Austausch von Information, der sich temporär anordnet, ohne daß diese Ordnung mehr als nur operationalen (d.h.strategischen) Wert hat.

Asignifikanter Bruch als Prinzip des Internet Besonderes Augenmerk liegt hier auf der Flucht- und Deterritorialisierungslinie: wird die Kommunikation an einer Stelle unterbrochen, etwa durch Zensur, oder ist sie von vorneherein zugangsbeschränkt, etwa durch privilegierten Zugang zu Medien so folgt die Kommunikation im Rhizom anderen Wegen, d.h. Unterbrechung und Zugangsbeschränkung haben keine Auswirkung, Brüche sind asignifikant:

Ein Rhizom kann an jeder Stelle unterbrochen oder zerrissen werden, es setzt sich an seinen eigenen oder an anderen Linien weiter fort. (ebd., S.19)

Weiterhin wird im Rhizom das Prinzip der Kopie außer Kraft gesetzt. Es gibt keine Ursprungsinformation, die durch Kommunikation abzubilden ist, sondern von Interesse ist allein eine operationale Orientierungsform, die aber ständig umgeformt wird: die Karte. Im Unterschied zur Kopie, die eine möglichst identische Repräsentation darstellt, selektiert eine Karte bestimmte Informationen aus dem Abzubildenden. Die Karte kann und wird je nach Situation und Bedürfnis daher verändert und erweitert.

[Ein Rhizom] hat kein organisierendes Gedächtnis und keinen zentralen Automaten und wird einzig und allein durch eine Zirkulation von Zuständen definiert.(ebd., S.36)

Es gibt, wie mehrfach gesagt, im Rhizom keine Orientierung auf eine zugrundeliegende Einheit. Dieser Gedanke schließt eine radikale Ephemerität der Kommunikation ein. Die Zustände sind instabil, nur an die jeweils aktuellen Zirkulationen gebunden. Dies entspricht dem Kurzzeitgedächtnis (Random Access Memory) im Gegensatz zum Langzeitgedächtnis (Festplatte oder Read Only Memory):

Das Kurzzeitgedächtnis schließt das Vergessen als Prozeß mit ein; es ist nicht mit dem Augenblick, sondern mit dem kollektiven, zeitlichen und nervlichen Rhizom verbunden. Das Langzeitgedächtnis [...] kopiert oder übersetzt, aber was es übersetzt, wirkt in ihm weiter, aus der Distanz, zur Unzeit, "unzeitgemäß, indirekt. (ebd., S.2

Aus all diesen Eigenschaften folgt, daß das Rhizom keine abstrakte Einheit als ideele Vorstellung sein kann, sondern eher der Name für einen Prozeß. Man kann daher strenggenommen nicht von "einem" Rhizom sprechen, sondern nur von der "Rhizomorphizität" von Kommunikation überhaupt. Jedes Rhizom (z.B. ein Buch) ist nicht in sich abgeschlossen, sondern existiert einzig in seinen internen Beziehungsfelderen u.v.a. in den Verhältnissen, die es zu externen anderen Beziehungsfeldern hat (z.B. "der Realität", den Lesern, anderen Büchern etc.):

Ein Buch existiert nur durch das und in dem, was ihm äußerlich ist. (ebd., S.13)

Ein Rhizom existiert nicht als Entität, sondern macht immer schon Rhizom mit anderen Rhizomen. Mit dem Begriff Rhizom-machen verweisen Deleuze/Guattari darauf , daß es auf den Prozeß der Produktion ankommt, nicht dagegen auf die Produkte selbst, die nur ephemer sind:

Es genügt aber nicht zu rufen Es lebe das Mannigfaltige! [...]. Das Mannigfaltige muß gemacht werden [...]. (ebd., S.16)

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Quelle: "Milles Plateaux - Rhizom"

2. Teil - Gilles Deleuze

Die Präsentation ist in folgende Abschnitte unterteilt (bitte auf das untere Bild klicken - vom linken Kreis oben nach rechts untern):

- ein Zusammenschnitt versch. Filme als einführende Erfassung der Person Gilles Deleuze mit Fokus auf Gestik und Mimik

- eine Auswahl seiner zahlreichen Werke

- Audio: "Le troisième genre de connaissance" - Spinoza: immortalité et eternité

- Audio: "Le voyageur", Richard Pinhas, 1972

- Bilder: Deleuze und Guattari

- Audio: "Transrapid" - Alva.Noto erschienen auf Clicks & Cuts 3, Label: Mille Plateaux als das auditiv erfahrbare Rhizom

 

Link zur Flashanimation:

 

 

Vortrag

 

Biografie

Gilles Deleuze wurde 1925 in Paris geboren und wuchs in einem konservativen Umfeld auf. Er studierte an der Sorbonne Philosophie und unterrichtete danach einige Jahre als Studienrat an verschiedenen Gymnasien. Nach seiner Habilitation 1969 dozierte er an der Universität in Lyon und in Viencennes, Paris.

 

=> Filmzusammenschnitt Gestik / Mimik

 

Da Deleuze ein sehr zurückhaltender Mensch (Peter Gente) war, erschien er eher selten bei öffentlichen Diskussionen und folglich auch in den Medien. Allerdings hielt er leidenschaftlich gerne Vorlesungen ab, die laut Aussage von Carrière teilweise dem Charakter eines Happenings glichen. Zwischenrufe oder Kritik seitens der Studenten wurden prompt aufgenommen und weitergesponnen. Gerade 1968 - die Zeit der Studentenrevolte - waren die Hörsäle bei seinen Seminaren restlos überfüllt. Für seine "Anhänger" waren seine Gedankenkonstrukte nicht einfach irgendwelche belanglosen Thesen. Vielmehr verstanden viele seine Worte als eine "Art Anleitung zu Handlungsweisen, die es auch zu leben galt.[...] Er war für uns wie LSD und wurde zum maître à penser dieser Generation!" (Carrière)

 

=> Audioausschnitt: "Le troisième genre de connaissance" - Spinoza: immortalité et eternité

 

Bis dahin hatte Deleuze schon 11 seiner ca. 40 Werke veröffentlicht. Bei seinen anfänglichen Texten handelte es sich vorwiegend um philosophiegeschichtliche Abhandlungen beispielsweise über Spinoza, Kant oder Nitzsche. Mit seinen Veröffentlichungen - vor allem über Nitzsche - stiess Deleuze allerdings auf einige Kritik. Gerade bei den konservativen Kollegen aus den eigenen Reihen, die ihr Fach auf traditionelle, wissenschaftliche und akademische Weise betrieben, eckte er stark an. Dieser Umstand führte u.a. auch dazu, dass er in Deutschland nie den Ruhm erlangte wie in seiner Heimat. Einige seiner Bücher wurde erst viele Jahre nach der ersten Publikation übersetzt.

In seinen späteren Werken weitet sich Deleuze Interessengebiet auf die Politik, Naturwissenschaft, Psychoanalyse, Literatur, Musik, Film und Malerei aus. Die Kunst war eine seiner grossen Leidenschaften. So veröffentlicht er eine Abhandlung über den Maler Bartleby und beschäftigt sich mit "bewegten Bildern", bzw. Film und Kino. Er selbst wird aktiv oder ist Teil verschiedener Stücke. So finden sich Skizzen von ihm im Buch "Chimère". Auf musikalischer Ebene zeichnet er, als Rezitator des Textes von Nitzsche, "Le voyageur" mit Richard Pinhas (ehemaliger Student v. Deleuze) auf.

 

=> Audioausschnitt: "Le voyageur", Richard Pinhas, 1972

 

Deleuze selbst sieht auch die Philosophie als Kunst. Nämlich die Kunst, Begriffe zu erfinden, worin er ein virtuoser Meister war. Er schuf Worte wie: "Rhizomatik, Nomadologie, Wunschmaschine, Deterritorialisierung oder Ritornell", die später oftmals zitiert werden sollten.

 

Seine letzten Werke entstanden in Zusammenarbeit mit dem befreundeten Psychoanalytiker Felix Guattari. Die erste gemeinsame Veröffentlichung mit dem Titel "Anti-Ödipus" erschien 1976 und wurde zu einem seiner grössten Erfolge. Hierbei handelt es sich um die kritische Auseinandersetzung mit Sigmund Freuds Psychoanalyse, die von beiden Autoren in eine eigene Theorie über die Seele der Gesellschaft in Zusammenhang mit Machtstrukturen, Produktionsverhältnissen und Medien transformiert wird.

Mit Guattari verband ihn eine enge Freundschaft. Sie verbrachten Tage und Wochen zusammen, mal leidenschaftlich diskutierend und ein anderes Mal stundenlang schweigend.

 

=> Bilder: Deleuze und Guattari

 

1980 erschien die Fortsetzung des "Anti-Ödipus" mit dem Titel "Milles Plateaux". Ein Schwerpunkt dieses Werkes ist der Gedanke von der Auflösung hierarchischer Strukturen, wie man sie bildlich oft als Baummodell kennt. Deleuze verwendet den Begriff "Rhizom", der ebenfalls aus der Botanik entlehnt ist. Er beschreibt ein dynamisches Netzwerk gleichartiger Verbindungen. Ein Konstrukt, das - im Gegensatz zum Baummodell - keine Hauptwurzel besitzt, von der jede Verzweigung abhängig ist, sondern jedes Teil autonom, aber dennoch in Beziehung zu den anderen steht. Es besitzt also eine dezentrale, antihierarchische Form, bei der alle Punkte miteinander verbunden sind. Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle zerstört werden; es wuchert dennoch weiter und erneuert sich ständig.

Das Modell des Rhizom mit all seinen Eigenschaften beeinflusst bis heute nicht nur Philosophen oder Medientheoretiker, sondern natürlich auch Künstler. So hat sich beispielsweise ein in Frankfurt am Main ansässiges Musiklabel nach dem Titel "Milles Plateaux" benannt und veröffentlicht elektronische Musik, die sich u.a. auch mit dieser Thematik auseinandersetzt.

 

=> Audioausschnitt: "Transrapid" - Alva.Noto erschienen auf Clicks & Cuts 3, Label: Mille Plateaux

 

Seine letzte Publikation "Was ist Philosophie?", das ebenfalls in Zusammenarbeit mit Felix Guattari entstanden ist, zählt nach Peter Gente zu einen seiner wichtigsten Werke.

Nach langjähriger Lungenkrankheit sucht Deleuze die Erlösung im Freitod. Er springt am 4. November 1995 aus dem 7. Stock des Hochhauses, indem er zuvor jahrelang als Rentner lebte.

 

Deleuze hat es geschafft, die Philosophie aus ihren akademischen Grenzen zu lösen und sie auf seine Weise neu zu definieren. Viele seiner Gedankenkonstrukte laden noch heute dazu ein, die (philosophische) Welt mit anderen Augen wahrzunehmen. Sein Einfluss ist trotz aller Kritik unbestritten.

 

"Eines Tages wird das Jahrhundert vielleicht deleuzianisch sein." Michel Foucault


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